
Kanton & Markt
Standortwahl in der Schweiz: Kantonale Faktoren für Wachstum
Der Kanton ist die Ebene, auf der viele Wachstumsbedingungen festgelegt werden: Steuersätze, Verkehrslage, Bildungsangebot und die Nähe zu Forschung.
Worum es bei der kantonalen Standortwahl wirklich geht
Der Kanton ist die Ebene, auf der viele Wachstumsbedingungen festgelegt werden: Steuersätze, Verkehrslage, Bildungsangebot und die Nähe zu Forschung. Wer einen Standort wählt, entscheidet damit auch über Kostenstruktur und Entwicklungsmöglichkeiten.
Die Steuerbelastung gilt als wichtiges Kriterium bei der Standortwahl von Unternehmen und kann auch die Wohnsitzwahl von Privatpersonen beeinflussen, wie der Steuervergleich von PwC festhält. Sie ist aber nur eine Grösse unter mehreren.
Der Kantonale Wettbewerbsindikator der UBS bewertet die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Kantone. Er stützt sich auf 57 Einzelindikatoren in acht Kategorien: Wirtschaftsstruktur, Innovation, Humankapital, Arbeitsmarkt, Erreichbarkeit, Einzugsgebiet, Kostenumfeld und Staatsfinanzen.
Nachfrage, Erreichbarkeit, Räume: das betriebliche Fundament
Für ein Geschäft oder einen Industriebetrieb sind drei Faktoren zentral: Nachfrage, Erreichbarkeit sowie Sicherheit und Entlastung. Die Gewichtung hängt von der Branche und vom Marktumfeld ab.
In der Gastronomie, im Einzelhandel und in anderen Dienstleistungsbetrieben kommt der Lage eine herausragende Bedeutung zu. In der Agglomeration und auf dem Land muss der Standort mit dem Auto problemlos erreichbar und mit ausreichend Parkplätzen ausgestattet sein. In der Innenstadt zählen Erreichbarkeit zu Fuss und mit dem öffentlichen Verkehr.
Toplagen sind meist mit hohen Mietkosten verbunden. Standorte fernab der Kundschaft sind billiger, bedingen jedoch meist erhöhte Werbekosten. Interessant sind Räumlichkeiten in der Nähe von Einkaufszentren, Banken und Konkurrenzunternehmen.
Für die gewerbliche Nutzung eines Standorts ist in der Regel eine Bewilligung der Behörden nötig, und in vielen Gewerbegebieten gelten strikte Vorschriften. Detaillierte Angaben zu den Nutzungsbestimmungen erhält man bei den Bauämtern. Je nach Branche kann zusätzlich die Steuerbelastung den Entscheid beeinflussen.
Vorteile und Nachteile von Standorten in Agglomeration versus auf dem Land
- Vorteile Agglomeration
- Hohe Kunden- und Mitarbeiterdichte, gute ÖV-Anbindung, Nähe zu Lieferanten und Konkurrenzunternehmen
- Nachteile Agglomeration
- Hohe Mietkosten, geringe Verfügbarkeit von Räumen, hoher Wettbewerb um Flächen
- Vorteile auf dem Land
- Niedrigere Mietkosten, mehr Raum, geringerer Wettbewerb um Flächen
- Nachteile auf dem Land
- Erhöhte Werbekosten, schlechtere Erreichbarkeit, geringeres Einzugsgebiet
Humankapital und Einzugsgebiet: warum die Region zählt
Ein grosses Einzugsgebiet bedeutet Zugang zu Lieferantinnen und Lieferanten, Arbeitskräften und Konsumentinnen und Konsumenten aus der umliegenden Region. Diese Dichte senkt Beschaffungs- und Rekrutierungsaufwand.
Ebenso entscheidend ist der Ausbildungsstand der Bevölkerung und die regionale Verfügbarkeit von gut ausgebildeten Arbeitskräften. Beides bestimmt, wie schnell ein Betrieb wachsen kann, ohne an Fachkräftemangel zu stossen.
Der Kanton Basel-Stadt führt diese Stärken an: überdurchschnittliche Erreichbarkeit per Bahn, Auto und Flugzeug sowie ein grosses Einzugsgebiet und ein hoher Ausbildungsstand. Beim Kantonalen Wettbewerbsindikator der UBS belegt Basel-Stadt den zweiten Rang.
Steuerbelastung als kantonale Wachstumsvariable
Jeder Kanton bestimmt seine eigenen Steuersätze. Unternehmen können ihren Standort deshalb gezielt nach steuerlichen und strategischen Kriterien wählen.
Ein Vergleich der Unternehmenssteuersätze nennt Zug mit rund 11,9 Prozent als Spitzenreiter. Es folgen Luzern mit rund 12,3 Prozent, Schwyz mit etwa 12,4 Prozent sowie Appenzell Ausserrhoden mit 12,5 bis 12,7 Prozent. Auch Zürich zählt zu den tief belasteten Kantonen.
Unternehmen mit kantonalem Steuerstatus haben gemäss einer Studie von BAK Economics eine beträchtliche fiskalische Bedeutung. Steuerpolitik ist damit nicht nur ein Argument gegenüber Neuansiedlungen, sondern auch eine Einnahmequelle.
Ein tiefer Satz allein trägt jedoch nicht: Im Wettbewerbsindikator der UBS steht das Kostenumfeld neben Erreichbarkeit, Humankapital, Einzugsgebiet und Staatsfinanzen. Ein Steuervorteil kann Schwächen bei Verkehrslage oder Personalverfügbarkeit nicht ausgleichen.
Innovationsökosysteme: Forschung, Bildung und Technologietransfer
Der Aargau vereint renommierte Forschungsinstitute mit einem starken dualen Bildungssystem; zu den Institutionen gehört das Paul Scherrer Institut in Villigen. Solche Einrichtungen liefern Fachkräfte und Partner für anwendungsnahe Projekte.
National unterstützt der Bund Forschungseinrichtungen von nationaler Bedeutung nach Artikel 15 des Bundesgesetzes über die Förderung der Forschung und der Innovation. In der Finanzierungsperiode 2025–2028 werden mehr als 30 Einrichtungen mit insgesamt über 430 Millionen Franken finanziert.
Davon entfallen rund 208 Millionen Franken auf zehn Technologiekompetenzzentren. Sie stellen die Verbindung zwischen öffentlicher Forschung und dem Privatsektor im Wissens- und Technologietransfer her und arbeiten auf nichtkommerzieller Basis.
Die Nordwestschweiz zählt im Regional Innovation Scoreboard, das 239 europäische Regionen anhand von 19 Teilindikatoren bewertet, im Jahr 2023 zum elften Platz. Stark schneidet sie bei Forschungs- und Entwicklungsausgaben im Privatsektor, wissenschaftlichen Ko-Publikationen und PCT-Patentanmeldungen ab. Basel-Stadt profitiert als Teil dieses Clusters von Synergien.
Forschungsförderung in der Schweiz: Finanzierung 2025–2028
- 430Gesamtfinanzierung
- 208Finanzierung für Technologiekompetenzzentren
Wirtschaftsförderung und konkrete Ansiedlungshilfe
Lokale Wirtschaftsförderer spielen für die Standortwahl eine wichtige Rolle. Viele Gemeinden und Kantone versuchen, Jungunternehmerinnen und Jungunternehmer mit attraktiven Angeboten von ihrer Standortqualität zu überzeugen.
Besonders interessant sind Technoparks. Sie erlauben Neugründenden, von kostengünstiger Infrastruktur und dem Know-how branchenverwandter Firmen zu profitieren.
Für den Aufbau eines Betriebs lohnt sich der Kontakt zur Wirtschaftsförderung der engeren Wahlregion. Der Kontakt sollte vor der Unterschrift unter einen Mietvertrag erfolgen.
Anforderungsprofil statt Bauchgefühl: Vorgehen für die Standortentscheidung
Empfohlen wird ein strukturiertes Vorgehen mit einem Anforderungsprofil, in dem die einzelnen Punkte nach ihrer Wichtigkeit gewertet werden. So entsteht ein Bild der eigenen Bedürfnisse, das sich mit den geprüften Standorten vergleichen lässt.
Die Checkliste umfasst den Standort und die Verkehrsverbindungen mit öffentlichem Verkehr und Privatverkehr. Dazu gehört die Nähe zu Kundschaft, Lieferanten und Partnerfirmen.
Weiter gehören dazu: Zufahrt, Parkplätze und Lademöglichkeiten. Auch die Konkurrenzsituation sowie Quartier und Umgebung sind zu prüfen.
Bei den Räumlichkeiten sind Grösse und Anzahl der Räume, Art und Aufteilung – etwa Lager, Sitzungszimmer, Zugänge, Bodenbelastung –, der bauliche Zustand und die Veränderungsmöglichkeiten zu prüfen. Zur Infrastruktur zählen Kommunikationsanschlüsse wie Telefon und Datenleitung.
Anforderungsprofil für die Standortwahl: Entscheidungskriterien
- Verkehrsverbindungen (ÖV und Privatverkehr)
- Nähe zu Kundschaft, Lieferanten und Partnern
- Zufahrt, Parkplätze und Lademöglichkeiten
- Konkurrenzsituation und Quartier
- Grösse, Aufteilung und baulicher Zustand der Räumlichkeiten
- Infrastruktur (Telefon, Datenleitung)
Strukturiertes Vorgehen bei der Standortwahl
- Erstellung eines Anforderungsprofils mit Gewichtung der Kriterien
- Vergleich der geprüften Standorte mit dem Profil
- Kontakt zur Wirtschaftsförderung vor Mietvertragsschluss
- Bewertung von Steuersatz, Verkehrslage, Fachkräften und Innovationsnähe
Fazit: Wachstum braucht Passung, nicht nur einen tiefen Steuersatz
Die kantonalen Wachstumsfaktoren liegen in vier Bereichen: Steuerbelastung, Erreichbarkeit, Humankapital und Nähe zu Forschung und Innovation. Sie wirken zusammen, nicht einzeln.
Welche Wahl die beste ist, hängt von der Branche, dem Marktumfeld und dem Wachstumsziel ab. Ein Dienstleistungsbetrieb mit Laufkundschaft gewichtet Lage und ÖV anders als ein Industriebetrieb, der auf Zufahrt, Parkplätze und Flächen angewiesen ist.
Deshalb empfiehlt sich der Vergleich über ein gewichtetes Anforderungsprofil. Steuersatz, Verkehrslage, Verfügbarkeit von Fachkräften und Innovationsnähe gehören in dieselbe Bewertung.



